Die Menschheit zerstört zahlreiche Lebensräume und Planzen- und Tierarten. Und damit zerstören wir unsere eigenen Lebensgrundlagen. Es ist höchste Zeit für ein Systemwandel – erhalten wir mit starken Massnahmen die verbleibende Biodiversität!

Kolumne fürs Bündner Tagblatt von Anita Mazzetta.

Weltweit gehen Jugendliche für den Klimaschutz auf die Strasse. Sie rütteln auf und stellen Politikerinnen und Politiker zur Rede. «Wir haben ein Recht auf Zukunft», fordern sie. Genauso gut könnten sie gegen das weltweite Artensterben demonstrieren. Die Zerstörung der Artenvielfalt und Ökosysteme hat ein Niveau erreicht, dass sie unser Wohlergehen mindestens genauso bedroht wie der Klimawandel. Mit diesen Worten eröffnete der Präsident Robert Watson die Konferenz des Weltbiodiversitätsrates in Paris. 130 Mitgliedstaaten und zahlreiche Fachleute beraten über Handlungsoptionen für die Politik. Auf das Ergebnis dürfen wird gespannt sein.

Obwohl – die Fakten sind schon lange klar. Das Artensterben hat sich in den letzten 50 Jahren dramatisch beschleunigt und ein beunruhigendes Ausmass angenommen. Es geht nicht mehr um das Sterben von einzelnen Arten. Ganze Ökosysteme erodieren. Experten warnen, dass der Mensch damit seine eigene Existenz auf diesem Planeten gefährdet. Denn Biodiversität liefert unverzichtbare Ökosystemleistungen. Sie sorgt für fruchtbare Böden, für Nahrung, für sauberes Wasser. Die Bewahrung der Schöpfung wird zu einer grossen Herausforderung für die Menschheit.

Die Abholzung der Wälder, die Trockenlegung von Mooren, die Intensivierung der Landwirtschaft, der Einsatz von Pestiziden und Insektiziden, die Ausbreitung gebietsfremder Arten lassen Tier- und Pflanzenarten aussterben. Seit dem ersten Living Planet Report vor vierzig Jahren haben wir etwa fünfzig Prozent der Arten auf unserem Planeten verloren. In der Schweiz sieht es nicht besser aus. Auch hier ist rund die Hälfte der einheimischen Tier- und Pflanzenarten bedroht oder potentiell gefährdet. Aktuell sorgt vor allem das Insektensterben für Aufsehen.

Die Gründe dieser schleichenden Tragödie liegen auf der Hand: unsere Landschaften werden einfältiger, statt vielfältiger. Immer mehr Lebensräume werden zubetoniert, intensiver genutzt, mit Pestiziden und Stickstoff belastet. Jedes Jahr werden in der Schweiz über 2’000 Tonnen Pflanzenschutzmittel ausgebracht, mehr als 5 kg pro Hektare landwirtschaftliche Nutzfläche. Damit liegt die Schweiz deutlich über andere vergleichbare Länder. Rückstände von giftigen Substanzen finden sich überall: in den Bächen, im Grundwasser, in den Tieren. Viele Bäche sind mit viel zu vielen Pestiziden belastet. In intensiv ackerbaulich genutzten Gebieten ist das Grundwasser mehrheitlich über die erlaubten Grenzwerte mit Pflanzenschutzmitteln belastet. Eine Studie mit Spatzen zeigt, dass auch Vögel mit den hochgiftigen Insektiziden kontaminiert sind. Nisteten die Vögel auf Biobetrieben, waren die Werte jedoch deutlich geringer.

Die Mission B der SRG «Jeder Quadratmeter zählt» ist also mehr als berechtigt. Es ist zu hoffen, dass die Öffentlichkeit durch die Berichterstattung aufgerüttelt wird – und hoffentlich auch die Politik. Im Parlament in Bern, aber auch in Chur, steht der Naturschutz arg unter Druck. Angriffe auf den Gewässerschutz, auf den Schutz bedrohter Arten und Lebensräume, wie Moore und Trockenwiesen, haben sich in letzter Zeit gehäuft. Die Ablehnung der Pestizid-Initiativen durch den Bundesrat sowie die zahnlose Agrarreform AP 22+ lassen keine grossen Veränderungen erkennen. Es ist höchste Zeit für ein Systemwandel.