In Graubünden hinkt die Gleichstellung hinterher. Die Regierung ist ein reines Männergremium. Im Grossen Rat sind 94 von 120 Stühlen von Männern besetzt. In der Verwaltung sind grossmehrheitlich männliche Amtsleiter an den Schalthebeln. Auch in den Kommissionen und in der Gemeindepolitik sind Frauen meistens in der Minderheit.

Sind das Nachwehen der späten Einführung des kantonalen Stimm- und Wahlrechts für Frauen? Im Gegensatz zu einigen Kantonen in der Nord- und Westschweiz verfügten die Bündnerinnen bei Annahme des eidgenössischen Stimm- und Wahlrechts 1971 nämlich noch über kein kantonales Recht. Sie starteten also quasi bei Null und mussten Erfahrungen und Netzwerke für die politische Beteiligung und Arbeit erst aufbauen.

Ein weiterer Grund für den „Rückstand“ in Sachen Gleichstellung ist kulturell bedingt. Sei es bei der Berufswahl, der Aufteilung der bezahlten und unbezahlten Arbeit oder der Vereinbarkeit von Beruf und Familie: Oft orientieren sich Frauen wie Männer an herkömmlichen Rollenbildern. Diese sind tief verankert; Prägungen und Rollenbilder sind oft immer noch entscheidender als Talente und Neigungen. Dabei wäre eine Gesellschaft, in der Frauen und Männer gleichermassen an der Familien- und Erwerbsarbeit teilhaben, anpassungsfähiger und widerstandsfähiger. Sie kann besser auf Veränderungen reagieren. Gerade in Graubünden, mit seinen einerseits strukturschwachen und andererseits prosperierenden Regionen, ist die Gesellschaft auf diese Resilienz angewiesen. Dank Chancengleichheit bleiben diese Regionen attraktiv für Menschen jeden Geschlechts und Alters.

 

Die politische Beteiligung von Frauen ist (noch) kein Selbstläufer, sondern muss stetig gepflegt und gefördert werden.
Barbara Wülser, Leiterin kantonale Stabsstelle für Chancengleichheit von Frau und Mann

Der Stabsstelle für Chancengleichheit von Frau und Mann geht die Arbeit auch 25 Jahre nach ihrer Gründung nicht aus. Die Stabsstelle nimmt das Jubiläum und die Neubesetzung der Leitung durch Barbara Wülser zum Anlass, nach vorne zu schauen: Welche Themen sind heute noch relevant, welche Impulse braucht es, um die Gleichstellung aller Geschlechter im Kanton weiter voranzubringen?

2022 stehen kantonale Wahlen bevor. Graubünden ist dringend darauf angewiesen, dass der Schub des Frauenstreiktags 2019 und der Initiative «Helvetia ruft», der viele Frauen in den National- und Ständerat gebracht hat, auch kantonal nachwirkt. Der Grosse Rat ist für Politikerinnen (und Politiker) auch in Graubünden das wichtigste Gremium auf dem politischen Weg. Eine ausgewogene Geschlechterverteilung auf Kantonsebene trägt zudem dazu bei, dass auch für die nächsten nationalen Wahlen genügend Frauen als Kandidatinnen zur Verfügung stehen. Die politische Beteiligung von Frauen ist (noch) kein Selbstläufer, sondern muss stetig gepflegt und gefördert werden.